



















Wer dachte, hier würde der bittere Ernst regieren, der irrt. Aber naja, wer dachte das wohl schon, der meinen Blog verfolgt.
Am 13. Feb begann das Neujahrsfest und ich muss zugeben, bereits eine Woche vorher, war hier keiner mehr zu gebrauchen. Das Fest ist so ziemlich der einzige Urlaub im ganzen Jahr, hochheilig, fahren alle nach Hause und das dieses Jahr für 9 Tage -da die Wochenenden so günstig liegen.
Buchstäblich bricht alles zusammen. Restaurants und Märkte bleiben geschlossen, Busse fahren nicht mehr, die Pho (Nudelsuppen) Frau von der Ecke ist verschwunden. Der Lärmpegel fehlt, der Essens- und Abfallgeruch fehlt, die Strassen sind furchtbar frei.
Quynh, eine Freundin aus Studientagen in Japan hat mich zu ihr und ihrer Familie nach HCMC (das alte Saigon) eingeladen. Freitag mittags bin ich 2000 km runter geflogen (Temperturunterschied + 21 °C zu Hanoi), mein Flug wurde seit Buchung zwei mal umgelegt, wie gesagt, alles bricht zusammen.
Quynh ist vor ein Paar Tagen erst aus Japan zurück gekommen und versorgte mich mit dem neusten Klatsch aus Beppu. Ihre Schwester holten wir einen Tag später vom Flughafen ab, sie studiert in Singapur, eine normale Mittelstandsfamilie also. Sonntags geht dann das Familie-Inferno los. Ich werde von Oma zu Oma geschleppt, von Onkel und Tanten zu Neffen und Nichten. Nur zum Vorstellen, in jeder Station gibts Essen. Schweineblutwürfel und Hühnerfüsse, nur das beste also. Aber ich habs ja so gewollt.
Raus wollte ich aus meinem Ausländeralltag in Hanoi. Ich hab viele Vietnamesische Freunde, die ich aber nur ein Paar mal die Woche zum Kaffee treffe. Obwohl ich mit vier Vietnamesen wohne verbringe ich alle meine Freizeit mit anderen Ausländern. Tet sollte ein Höhepunkt werden, und er wurde es. Am nächten Tag ging der familäre Supergau in die zweite Runde.
Jetzt war der wichtigste Tet-Tag. Wir gingen wieder zur Oma um die Ecke, denn dort hatten sich alle versammelt, die ich am Vortag auf Einzeletappen kennen gelernt hatte. Namen und Zusammenhänge ware übers Verdauen der lokalen Küche in Vergessenheit gerate. Zu Tet stellen die Hanoier sich Pfirsichbäume in die Häuser, in HCMC sind es irgendwelche Büsche mit gelben Blüten. Keine Frage, wunderschön und irgenwie Frühlingsverkündend erinnert es ein bisschen an einen Weihnachtsbaum. Dann gibt es Geschenke in Form von roten Briefumschlägen. Das ist das Glücksgeld. Es wird ausschliesslich Geld geschenkt und zwar nur von den Älteren an die Jüngeren. Ein sicheres Zeichen, dass ich jetzt dazu gehörte, war nicht nur, dass ich mit den Männern Bier trinken durfte und sämliche Frauen der Familie mir mit ihren gebrauchten Esstäbchen die fettigsten Stückchen Fleisch in meine Schale warfen sondern, dass ich auch rote Umschläge bekamm.
Hier und da war mir das schon unangenehm, da ich oft dachte, die haben ja selbst fast nichts. Aber fast nichts ist in Vietnam ein weiter Begriff, für ein Mofa, ein Handy und einen Plasmabildschirm scheint es immer zu reichen, auch wenn die vier Wände, die ein Zuhause ausmachen von uns eher leichtfertig als Schweinestall bezeichnet werden würden. Schön war zu sehen, dass Vietnamische Familienfeste so wie Weihnachen bei uns auch in der Totalkatastrophe enden können. Quynhs kleine Schwester Vu (14) war wohl eher schlecht gelaunt, als sie durchs Haus brüllte (schade, so gut versteh ichs halt doch nicht), Türen knallte und dann den ganzen Tag zu Hause blieb, und alles nur weil die älteren Schwestern ihren Lippenstift kritisiert hatten. Herrlich!
Von der Oma aus sind wir dann weiter Freund der Mutter besuchen gefahren. Von A nach B, überall rote Umschläge und Essen.... später am Nachmittag waren wir dann bei Freunden, die wohl noch mehr Freunde und die Familie da hatten. Die Mutter beklagte sich lauthals, dass gerade an Neujahr ihre zwei Haushaltshilfen (zwei 14 Jährige aus den Minderheiten in den Bergen) nach Hause fahren mussten und sie jetzt alles alleine machen musste.
Es waren viele Kinder und Jugendliche da, und schnell lag ein Kartenspiel auf dem Tisch und das Glücksgeld wurde verspielt. Ich war erschüttert!!! Erst gibts lieblos Geldgeschenke und dann wirds gedankenlos weg geworfen. Aber das war wohl so an Tet. An diesem Tag und auch die ganze Woche über fiel mir oft auf, dass sich Leute (auch Erwachsene) auf der Strasse zum Glücksspiel zusammenfanden.
Der dritte Tag des Neujahrsfestes und der Geburtstag der bratzigen Göre Vu brach an. Doch zuerst wurden die Grosseltern der Mutter besucht, mit dem Taxi (mit dem wir in diesen Tagen bereits unzählige Kilometer zurück gelegt hatten) fuhren wir an den Stadtrand. Die Großeltern leben gerade in einer Notunterkunft, da auf ihrem Grundstück ein Hotel gebaut wird. Richtig verstanden habe ich das nicht, zumal wir später die Familie, die jetzt auf der Baustelle lebt (um sie zu bewachen-sonst aber nichts mit dem Bau zu tun hat) besucht haben, und es dort nichts gibt, was zu bewohnen ist.
Nachdem wir bei der Oma gessen hatten ( sie hatte literweise Kokusnußsaft in Spritflaschen abegefüllt), haben wir im Nachbarhaus beim Onkel noch mal gegesen, sind dann zwei Häuser weiter zur Baustelle gegangen um dort noch mal zu essen.
Dann sind wir zu weiteren Freunden gefahren, die zur Überraschung aller Essen vorbereitet hatten und Karaoke im Wohnzimmr singen wollten. Ich wollte weglaufen.
Es gab keinen Ausweg, nach dem wir Karaoke gesungen hatten fuhren wir zurück in die Innenstadt in ein Veganisches Restaurant (es war das einzige, welches offen war), kauften unterwegs eine riesige Schokokrem Tochte, und trafen dort wieder den Rest der Familie um Vu´s Geburtstag zu feiern.
Die Kellner waren Tyranen und den Busladungen voll Gästen völlig ausgeliefert und umgekehrt, das Lokal hatte die Akkustik eines Schwimmbades, und unter den Gästen brach im Kampf um den letzten Stuhl Anarchie aus. Gott sei dank hatten wir mit fast 30 Leuten reserviert was fast nichts half und dem Vietnamesischen Serviecepersonal auch fast nichts bedeutete.
Dann gab es auch noch HotPot, was eine Art von Suppe ist, die auf dem Tisch gekocht wird und unserem Fondü sehr nahe kommt. Man ist gezwungen stundenlang sitzen zu bleiben. Als wir es endlich geschafft hatten und nur noch die Tochte vom Geburtstagskind anschneiden lassen wollten, die mittlerweile seit zwei Stunden auf dem Tisch stand, warf man uns barsch aus dem Restaurant mit der Begründung, die Tochte sei nicht vegan. Arme Rotzgöre, das hätte ich ihr wirklich nicht gegönnt, so sind wir nach hause gefahren und haben Tet zu viert ausklingen lassen, wir vier Frauen und eine Tochte.